Niko Hönig
Universidade do Porto, Portugal
An der Faculdade de Letras traf ich auf ein großes und in seiner fachlichen Ausrichtung diverses Studienangebot, das mir in der (rückblickend geglückten!) Wahl meiner Kurse erlaubte, verschiedenen Interessen nachzugehen. So konnte ich Kurse zur Entwicklung der europäischen Kunst im langen 19. Jahrhundert, zu Film- und Theateranalyse, zu englischer Literatur und galicisch-portugiesischer Lyrik im Hochmittelalter besuchen. Die Kurse deckten sowohl konkrete historische Diskurse als auch größere Zeiträume ab und ergänzten so ausgezeichnet mein interdisziplinär angelegtes Studium Literatur-Kunst-Medienwissenschaft in Konstanz.
Speziell die portugiesische Unterrichtssprache wurde, gerade in Kursen wie
Architekturgeschichte, in denen die Verwendung konkreter Fachbegriffe eine große Rolle spielt, zu einer willkommenen Herausforderung. Zwischen dem akademischen Sprachgebrauch im Hörsaal und dem kolloquialen außerhalb konnte ich mein Portugiesisch an verschiedensten Situationen erproben. Die Förderung des Spohn-Stipendiums der DAAD-Stiftung ermöglichte mir dabei die Teilnahme an semesterbegleitenden Sprachkursen, in denen ich die im Alltag erworbenen Sprachkenntnisse fundieren konnte. Gleichzeitig begann ich mich in meiner Freizeit mit
literarischen Texten, Kunst, Musik und Filmen aus dem lusophonen Kulturraum zu beschäftigen. Ich versuche mich dabei ein wenig mit dem portugiesischen Literatur- Kanon vertraut zu machen, etwa dem gebürtigen Portuenser Almeida Garrett, der in Porto vor dem Rathaus verewigt ist.
Die speziellen Anforderungen an das wissenschaftliche Arbeiten an der Faculdade de Letras haben mir geholfen, meine Routinen, Schreibtechnik und wissenschaftliche Sorgfalt zu verbessern. Das ungewohnte Curriculum und die sprachlichen Hürden erforderten es, mit verstärkter Konzentration zu studieren, was nicht immer einfach, aber sehr lohnend war. Viele Aufgaben, wie etwa das erste Referat in der Landessprache halten, erlebte ich beim nächsten Mal schon als vertraut und bewältigbar. Zweifellos war
es eine positive Erfahrung, trotz erhöhtem Aufwand erfolgreich mit den portugiesischen Kommiliton:innen zu studieren.
Einen positiven Eindruck hinterlässt die Campus-Kultur an der Faculdade de Letras, sowohl im Unterricht als auch im sozialen Raum der Fakultät an sich. Obwohl der Unterricht tendenziell frontaler gestaltet war als aus Konstanz gewohnt, erlebte ich den Kontakt zu Lehrenden und Mitstudierenden als herzlich und niedrigschwellig. Der Gebrauch des Vornamens, auch im formalen Kontakt, und der verbreitete Austausch von Höflichkeiten im Uni-Alltag haben mir als Fremdem häufig das Gefühl gegeben, willkommen zu sein. Dozierende an der Fakultät unterstützten mich durchweg mit großer Umsicht und Zuwendung, und gaben Anstöße, weiterführende Veranstaltungen und Orte in Porto kennenzulernen. Zudem erlebte ich den Kontakt zu den Mitstudierenden immer wieder als Ausgangspunkt für bleibende Beziehungen und werde einige von ihnen voraussichtlich in Deutschland wiedersehen.
Für mein Studium wird sich der Auslandsaufenthalt, gerade hinsichtlich der Literaturund Kunstwissenschaft, als bereichernd und wertvoll erweisen. In meiner Fachrichtung ist der souveräne Umgang mit unterschiedlichen Gegenständen (Texte, Kunstobjekte, Medien, Ereignisse) und wissenschaftlichen Zugängen besonders wichtig. So ermöglichte das Auslandssemester mir einen vertieften Einstieg in den ,romanistischen‘ Bereich der Kunstwissenschaft im Allgemeinen und die Bildende Kunst Portugals im Speziellen. In der exzellenten Anglizistik an der FLUP besuchte ich Kurse und Vorträge, die Literatur- und Kulturgeschichte weitreichend verbinden. Dabei ergaben sich inhaltlich und methodisch zahlreiche intuitive Möglichkeiten, an meine bisherigen Forschungsinteressen anzuschließen und neue Kenntnisse zu vertiefen.
Das bewegendste Ereignis ergab sich, als ich die Möglichkeit erhielt, in einer weiterführenden Schule einigen portugiesischen Schüler:innen der Mittelstufe von Deutschland zu erzählen. Anders als angekündigt war hier mit Englisch und meiner vorbereiteten Präsentation nicht viel zu erreichen, darum wurde es ein mit damals noch deutlich wackligeren Portugiesischkenntnissen improvisiertes, offenes Gespräch, dessen Herzlichkeit mich bis jetzt begleitet. Motiviert von dieser Erfahrung, nahm ich auch im zweiten Semester an dem Programm teil und konnte mich darüber freuen, wie viel müheloser der Kontakt zu den Kindern nur wenige Monate später geworden war.
Zurück in Deutschland strebe ich den Abschluss meines Bachelorstudiums an. Daran anschließend werde ich voraussichtlich in einer der drei Richtungen meines Fachs (Literaturwissenschaft, Kunstgeschichte, Medienwissenschaft) vertiefend im Master studieren und parallel mein Engagement in Richtung einer späteren beruflichen Perspektive (Arbeit im Kulturbereich, speziell im Journalismus) fortführen. In diesem Zusammenhang freue ich mich, an die Eindrücke und Perspektiven, die mir der Aufenthalt in Porto eröffnet hat, anzuknüpfen und mir neue Herausforderungen zu suchen.