Antonia Hagen

Kanada

Ablauf erstes und zweites Semester

Das erste Semester an der Carleton University hat entspannt begonnen. Alle Kurse, die ich gewählt hatte, konnten im Psychologiestudium angerechnet werden. Sie hatten eine ausführliche
Einführungsvorlesung, dank der auch alle meine organisatorischen Unsicherheiten, wie zum Beispiel die Verwendung von Lehrbüchern oder Klausurformen und Termine, aufgeklärt wurden. Besonders intensiv habe ich den Kurs „Child Language“ wahrgenommen. In diesem ging es um den Erstspracherwerb von Kindern, also ein interdisziplinärer Kurs, der Linguistik und Psychologie verbindet. Bei diesem Kurs ist mir besonders aufgefallen, wie viel Energie die Professoren in die Vorlesungen stecken, was in Deutschland ja nicht immer der Fall ist. Die Professorin war immer super vorbereitet, konnte alle Themen der Vorlesung auch bei Rückfragen erklären und kannte jeden der ca. 70 Studierenden beim Namen. Dadurch war ich sehr motiviert, auch selbst viel für den Kurs zu tun.

Die Vorlesung „Neuropsychology 1“ war mehr auf die Anatomie des Gehirns ausgelegt und somit ein reines „Lernfach“. Der Vorteil dabei war, dass alle die neuen Begriffe lernen mussten, weshalb ich auf einem sehr ähnlichen sprachlichen Level unterwegs war, wie meine Kommiliton*innen. Der Kurs „Psychology of Women“ hat mich sprachlich am meisten herausgefordert. Es ging kaum Darum, neue Fachbegriffe kennenzulernen, sondern es gab viele Diskussionen über soziale Themen, wofür ich nicht immer das passende Vokabular parat hatte. Daher habe ich hier einen neuen Wortschatz mitgenommen, wie zum Beispiel das Wort „to refute“, auf Deutsch „wiederlegen“, „punitive“, was von dem mir bereits bekannten Wort „punishment“ abgeleitet, eine andere grammatikalische Form von “bestrafend” ist und „pimp“ was „Zuhälter“ bedeutet, und mir außerhalb des Kurses vermutlich nicht über den Weg gelaufen wäre. Zudem bekam ich ein neues Bewusstsein für einige Themen, die mir nun deutlicher auffallen, wenn ich Ihnen begegne. Die alltagsnahen Inhalte, wie zum Beispiel Frauen am Arbeitsplatz, die Darstellung von Frauen in der Werbung und der Einfluss von Vorurteilen auf die Forschung habe ich zuvor unterbewusst bereits wahrgenommen, durch die explizite Nennung dieser habe ich gelernt, sie mir bewusster anzuschauen und auf einem akademischeren Level kritisch zu hinterfragen. So hat mich der Kurs, auch im kritischen Denken geschult. Was hat sich der/die Autor*in der Studie erhofft/ von ihr erwartet und aus welcher Perspektive hat die Person die Thematik bisher wahrgenommen aufgrund von akademischem, sozioökonomischem Hintergrund oder Geschlechtszugehörigkeit, etc.? Und wie können diese die Studie, bzw. ihr Ergebnis beeinflussen?

Im zweiten Semester durfte ich mein erworbenes Wissen im Bereich Neuropsychologie mit dem Kurs „Neuropsychology 2“ vertiefen sowie meine Englischkenntnisse weiter verbessern, da dieser Kurs im Wintersemester statt der zweiten Klausur einen Essay vorsah. Einen fünfzehn-seitigen akademischen Essay auf Englisch zu verfassen, schien mir zu Beginn noch eine große Herausforderung, da dies eine bessere Sprachkenntnis erfordert, als Gelerntes in kurzen, grammatikalisch simpel gehaltenen Sätzen wiederzugeben. Ich entschied mich für das Thema „Memory Consolidation“, weil es mich meinem Interesse, wie Lernen auf neuronaler Ebene abläuft. näher bringt. Da ich zuvor keine Biologiekurse belegt hatte, erwies sich dieser Aufsatz als ebenso große Herausforderung wie erwartet, sowohl auf sprachlicher als auch auf fachlicher Ebene. Trotzdem bereitete mir die Aufgabe Freude. Ich hatte sehr viel Freiraum, da nur dieses Oberthema abgesprochen war und alles andere mir überlassen wurde. Während ich mich bei den anderen Kursen nur auf Zuhören in der Vorlesung und anschließendes Lernen fokussieren musste, durfte ich mich hierbei mit verschiedenen Autoren, Studien und Zeitgeistern auseinandersetzen, angefangen im frühen zwanzigsten Jahrhundert bis heute.

Die anderen Vorlesungen sprachen auch interessante Themen an. In der Vorlesung „Addiction“ beschäftigte ich mich mit dem Thema Sucht. Da kam ich wieder mit vielen gesellschaftlichen Themen in Kontakt und konnte auch an einiges aus meiner “Psychology of Women” Vorlesung anknüpfen.
Wenn man über Sucht spricht, spricht man häufig auch über Minderheiten, da diese anders von diesem Thema betroffen sind als die privilegierteren Gruppen. Außerdem war es sehr interessant, zeitgleich die Debatte zur Cannabislegalisierung in Deutschland zu verfolgen. Hier in Kanada wurde Cannabis bereits 2018 legalisiert, was in der Vorlesung ebenfalls besprochen wurde. Durch die Auseinandersetzung mit den verschiedenen Ursachen von Sucht habe ich hier nochmal einen differenzierteren Blick auf die Situation bekommen und die Schädlichkeit von Alkohol und Zigaretten besser verstanden. Mir wurde klar, dass diese nur aus politischen Gründen ab 18 legal sind und diese Regel wenig mit Gesundheitsfürsorge zu tun hat. Als dritten Kurs wählte ich die Entwicklungspsychologie aus einem sozialwissenschaftlichen Kontext. Der Kurs hieß „Social Development“. Inhaltlich befassten wir uns mit Menschen aller Altersgruppen, welche verschiedenen Einflüsse es auf einen Menschen überhaupt gibt und wie diese Faktoren sich auf psychologischer Ebene auswirken. Zum Beispiel die Familie, die Kultur und das Geschlecht der Person, die zu verschiedenen Handlungstendenzen, Charaktereigenschaften oder Ängsten führen. Der Fokus lag bei allen Vorlesungen auf statistischen Unterschieden, es gab aber immer Phasen, in denen wir uns zu den Themen unterhalten sollten. Hier war es sehr spannend, die Unterschiede zu meinen Kommiliton*innen wahrzunehmen, bezüglich unserer Herkunft und Erziehung.

 

 

Allgemein hat sich mein Alltag in Kanada nicht sehr stark von dem in Deutschland unterschieden. Ich hatte meine Vorlesungen, zu denen ich je nach Stundenplan vier oder fünf Tage die Woche gegangen bin, sowie meine „Clubs“, die mit dem Hochschulsport oder Vereinen vergleichbar sind. So konnte ich auch verschiedene Dinge probieren, wie zum Beispiel Schwimmen, Handball oder Cheerleading, oder auch mich zu Spiele-Nachmittagen dazugesellen, welche von Clubs für Erstsemester oder internationale Studierende organisiert wurden.
Ansonsten nutzte ich gerne die Bibliothek, die sehr modern ausgestattet war und zum Beispiel auch ein Laufband mit Schreibtisch zum Lernen zur Verfügung stellte. Meine Wohnsituation war eher untypisch für Austauschstudierende, da ich mich gegen das Wohnheim entschieden habe und somit nicht auf dem Campus gewohnt habe. Im Nachhinein bin ich auch froh, mich so entschieden zu haben, da das Wohnheim im Vergleich zu WGs oder Wohnungen nicht unbedingt günstiger ist und in den meisten Wohnungen keine eigene Küche vorhanden ist. Außerdem konnte ich so auch leichter Menschen außerhalb der Uni kennenlernen.

Als Deutsche an einer kanadischen Universität habe ich aber gemerkt, dass es vor allem die kleinen Dinge sind, die die Unterschiede machen. Wenn mich Freunde gefragt haben, was anders ist, oder woran ich merke, dass ich nicht in Deutschland bin, habe ich oft gesagt: „Die Ampeln sind auf der falschen Seite.“ Das ist eigentlich ein sehr unwichtiger Punkt. Vor allem da ich meistens zu Fuß oder mit dem ÖPNV unterwegs war, fiel es mir meistens auch nicht bewusst auf. Und trotzdem war es für mich das Merkmal des nordamerikanischen Kontinents.
Ich habe viel über mich und Deutschland gelernt, weil mir viele Dinge überhaupt erst bewusst geworden sind, die ich vorher so gar nicht wahrgenommen habe. Zum Beispiel haben viele Menschen alles immer positiv ausgedrückt. Bis auf meine Professoren, die keine Scheu gezeigt haben, streng und unbedacht auf Gefühle zu sein, wurde ich überwiegend mit Samthandschuhen angefasst. Auch die verschiedenen Sporttrainer*innen, denen ich begegnet bin, haben alles in Bitten formuliert, nie angesprochen, wenn Kursteilnehmer*innen regelmäßig zu spät waren, sondern sich gewünscht, dass sich alle in Zukunft mehr beeilen, und Ähnliches. Aus Deutschland kenne ich da einen strengeren Umgang, wobei das sicher auch von der individuellen Persönlichkeit der Menschen, denen ich hier begegnet bin, verstärkt wurde. Vielleicht hätte ich an einer anderen Uni oder in einer anderen Hochschulsportgruppe auch andere Erfahrungen gemacht, und mir wäre das nicht so stark aufgefallen.
Ein weiterer großer Unterschied zu Deutschland ist die Größe der Städte und die vergleichsweise schlechte Infrastruktur des ÖPNV. Die Städte, die ich besucht habe, hatten nicht unbedingt mehr Einwohner*innen, als so manche deutsche Großstadt, sondern alles nimmt mehr Platz ein. Die
Straßen sind breiter, die Häuser liegen weiter auseinander, und überall gibt es riesige Parkplätze. Mit dem Auto kommt man überall hin, aber wenn man auf sein Fahrrad oder den ÖPNV angewiesen ist, kann man viele Orte nicht erreichen. Manche Kommiliton*innen, die in Ottawa leben, brauchen zwei Stunden zur Uni, weil die Stadt so groß und der ÖPNV so schlecht ist.
Das erschwert auch das Sozialleben immens, weil ich die meisten Menschen, die ich hier kennengelernt habe, dadurch nur in der Uni treffe, da es ein zu großer Zeitaufwand wäre, sich zu anderen Zeitpunkten zu treffen und extra in die Stadtmitte zu fahren. Trotzdem konnte ich einige Freundschaften schließen, auch wenn die Entfernung die Häufigkeit der Treffen bestimmt hat. Ansonsten ist das Treffen von Kommiliton*innen nicht anders als in Deutschland, man trifft sich zum Kaffeetrinken, spazieren gehen, shoppen oder ähnliches. Ich persönlich habe auch einige Wochenenden und die Ferien zum Reisen genutzt, um möglichst viel von Kanada zu sehen. Meistens sind wir als Gruppe verreist, so habe ich Freundschaften gestärkt und tolle Orte gesehen, wie Toronto, die Niagara Fälle und Montreal. Außerdem konnten wir zwischen den Metropolen wunderschöne Landschaften und die nordamerikanische Natur erkunden.
Da Ottawa eine sehr interkulturelle Gesellschaft beherbergt, scheint vieles aus meiner Sicht sehr viel weniger traditionell als in Deutschland. Meine Freund*innen kommen aus der ganzen Welt, Iran, Kenia, Kanada (von nah und fern), Frankreich, Südsudan, Japan und Indien. Dieser Mix lädt zu wundervollem Austausch und Traditionsbeschreibungen ein, führt aber auch dazu, dass ich bis heute nicht so richtig sagen kann, was typisch kanadisch ist.